Ratgeber · Preispsychologie & Historie

Black Friday und Cyber Monday: Geschichte und Zahlen

Black Friday startete 1961 in Philadelphia als Polizei-Slang für Verkehrschaos. Heute ist er ein Multi-Milliarden-Phänomen mit Cyber Monday, Singles' Day und Patagonia-Gegenströmung im Schlepptau.

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Jan-Tristan Rudat
Jan-Tristan RudatRedakteur
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Black Friday ist heute synonym mit Rabatt-Schlacht und Konsum-Spektakel. Die Geschichte dahinter ist deutlich verwinkelter, als die meisten denken. Aus Polizei-Slang in Philadelphia wurde über Jahrzehnte ein global koordiniertes Event mit Milliarden-Umsätzen, Klagen, Markenstreit und einer aktiven Gegenströmung. Wer den Hintergrund kennt, sieht die Aktion mit anderen Augen.

Die Geburt in Philadelphia, 1961

Die früheste belegte Verwendung von Black Friday im Handelskontext stammt aus Philadelphia, frühe 1960er Jahre. Der Begriff war ursprünglich abwertend gemeint. Lokale Zeitungen wie die Philadelphia Inquirer berichteten, dass Polizisten den Freitag nach Thanksgiving so nannten, weil das Verkehrschaos und die Diebstahl-Anzeigen extrem waren. Touristen strömten in die Stadt für das Army-Navy-Football-Spiel am Samstag, gleichzeitig öffneten die Kaufhäuser für das Weihnachtsgeschäft.

Erst in den 1980er Jahren übernahmen die Einzelhändler den Begriff und drehten die Erzählung positiv. Black bezieht sich seither offiziell auf schwarze Zahlen: viele US-Händler operierten über das Jahr mit roten Zahlen und kamen erst durch das Weihnachtsgeschäft in die Gewinnzone, ab dem Freitag nach Thanksgiving war die Tinte schwarz. Diese Marketing-Geschichte ist historisch nicht belegt, hat sich aber als Standarderklärung etabliert.

Die Etablierung in den USA, 1980 bis 2000

In den 1980er und 1990er Jahren entwickelte sich Black Friday zur größten Verkaufsveranstaltung der USA. Walmart, Sears, JCPenney und Macy’s eröffneten am Freitag nach Thanksgiving schon vor 6 Uhr morgens. Doorbuster-Angebote mit extremen Rabatten (DVD-Player für 19,99 Dollar, Flatscreens für 199 Dollar) lockten Massen vor die Türen. Drängelei, Schlägereien und gelegentlich tödliche Unfälle in den Eingängen prägten das mediale Bild.

2008 trampelten Kunden in einem Walmart in Valley Stream, New York, einen Mitarbeiter zu Tode, der die Türen öffnete. Der Vorfall führte zu nationalem Aufschrei und einer Verschärfung der Sicherheits-Vorschriften für Black-Friday-Events. Trotzdem blieb Black Friday in den USA bis heute der umsatzstärkste Einzelhandelstag.

Cyber Monday: das Online-Pendant 2005

Im November 2005 prägte die National Retail Federation den Begriff Cyber Monday. Shop.org, eine NRF-Untergruppe, hatte 2004 Traffic-Analysen gemacht und festgestellt, dass der Montag nach Thanksgiving der zweitumsatzstärkste Online-Tag des Jahres war. Grund: in den frühen 2000er Jahren hatten viele US-Haushalte zu Hause noch kein Breitband-Internet. Am Montag kehrten die Menschen ins Büro zurück und nutzten die schnellen Firmen-Verbindungen, um online einzukaufen.

Die Cyber-Monday-Kampagne wurde 2005 mit einem Pressepaket und einer eigenen Website (cybermonday.com) gestartet. Innerhalb weniger Jahre etablierte sich der Begriff. 2010 überholte Cyber Monday in den USA Black Friday im Online-Umsatz. 2024 verzeichnete Adobe Analytics für Cyber Monday 2023 in den USA einen Online-Umsatz von 12,4 Milliarden Dollar, gegenüber 9,8 Milliarden Dollar für Black Friday Online. Stationär dominiert Black Friday weiterhin.

Internationaler Rollout

Großbritannien war 2010 das erste europäische Land, das Black Friday in größerem Stil übernahm. Amazon UK startete eine Black-Friday-Woche, lokale Händler zogen nach. Deutschland folgte 2013, treibende Kraft waren Saturn und MediaMarkt mit ihrer Black-Friday-Kampagne, später Amazon Deutschland. Spanien, Frankreich, Italien und die Niederlande etablierten Black Friday zwischen 2014 und 2017.

In Frankreich gab es 2020 einen politischen Aufstand: die Regierung Macron diskutierte ein Verbot des Black Friday wegen Umwelt- und Sozialbedenken. Stattdessen wurde Black Friday auf den 4. Dezember 2020 verschoben, um den Lockdown-betroffenen lokalen Händlern zu helfen. Das Verbot blieb aus, die Verschiebung erfolgte einmalig.

Die deutsche Marken-Posse: 2013 bis 2021

In Deutschland war Black Friday zwischen 2013 und 2021 eine eingetragene Marke der hongkonger Firma Super Union Holdings. Die Marke war 2013 beim Deutschen Patent- und Markenamt eingetragen worden und wurde 2016 an Super Union Holdings verkauft. Die Firma forderte von deutschen Händlern, die mit Black Friday warben, Lizenzgebühren oder Unterlassungserklärungen.

PayPal, Black-Friday.de und andere Plattformen klagten gegen die Marke. Das Bundespatentgericht entschied im September 2018 (Az. 30 W (pat) 26/18) zugunsten der Kläger und ordnete die teilweise Löschung an. Super Union ging in Revision, der BGH bestätigte 2020 die Entscheidung. Im April 2021 erfolgte die endgültige Löschung der Marke. Seither dürfen alle deutschen Händler den Begriff frei verwenden.

Singles’ Day in China: 11.11.

Während Black Friday im Westen dominiert, hat China seit 2009 den Singles’ Day am 11.11. als größtes Einkaufs-Event der Welt etabliert. Ursprung ist eine Studentenkultur an der Universität Nanjing in den 1990er Jahren: vier Einsen im Datum stehen für vier Singles, der Tag wurde ironisch als Anti-Valentinstag gefeiert.

Alibaba-Gründer Jack Ma griff 2009 die Idee auf und startete den 11.11.-Sale auf Tmall. Im ersten Jahr setzte Alibaba etwa 7 Millionen Dollar um. 2014 waren es 9 Milliarden, 2019 bereits 38 Milliarden, 2021 erstmals über 84 Milliarden Dollar. 2024 erreichte Alibaba einen Bruttoumsatz von rund 156 Milliarden Dollar an einem Tag. Konkurrent JD.com erzielte zusätzlich 50 bis 60 Milliarden. Damit übertrifft Singles’ Day das gesamte US-Black-Friday-Wochenende um mehr als das Doppelte.

Umsatzvergleich der Großereignisse

EreignisUmsatz 2024 (geschätzt)Region
Singles’ Day 11.11. (Alibaba+JD)200+ Mrd USDChina
Black Friday Online USA10,8 Mrd USDUSA
Cyber Monday USA12,4 Mrd USDUSA
Black Friday Wochenende Deutschland6 Mrd EURDeutschland
Amazon Prime Day14 Mrd USDglobal
Boxing Day (26.12.) UK4,7 Mrd GBPGroßbritannien
Cyber Week DE (Mo bis Mo)12,5 Mrd EURDeutschland

Die Zahlen stammen aus Adobe Analytics, HDE, Alibaba-Pressemitteilungen und NRF-Berichten. Online-Anteile sind in allen Märkten seit 2020 stark gestiegen, durch Corona-bedingte Verlagerung.

Zeitstrahl der Rabatt-Events seit 1961 1961 Black Friday Philadelphia 1980er US-Etablierung schwarze Zahlen 2005 Cyber Monday NRF Start 2009 Singles' Day Alibaba 2013 DE-Rollout Saturn/MM 2024 156 Mrd USD Singles' Day Vom Polizei-Slang zum globalen Milliardenmarkt
Zeitstrahl der wichtigsten Rabatt-Events von 1961 bis 2024

Anti-Konsum-Gegenströmung

Parallel zur Konsum-Eskalation hat sich seit den 1990er Jahren eine Anti-Konsum-Bewegung etabliert. Buy Nothing Day wurde 1992 von Ted Dave in Vancouver gegründet und findet jährlich am Black Friday statt. Adbusters, ein kanadisches Anti-Konsum-Magazin, verbreitet die Idee global.

2011 sorgte Patagonia für Schlagzeilen: am Black Friday schaltete der Outdoor-Hersteller eine ganzseitige New-York-Times-Anzeige mit einer Fleece-Jacke und der Überschrift “Don’t Buy This Jacket”. Die Botschaft: kauf nicht, was du nicht brauchst, repariere oder kaufe gebraucht. Paradoxerweise stieg Patagonias Umsatz im Folgejahr um 30 Prozent, weil die Marke als ehrlich und nachhaltig wahrgenommen wurde. Patagonia spendet seither am Black Friday alle Einnahmen an Umweltorganisationen.

Greenpeace, WWF und in Deutschland die Initiative Konsumiergesund.de rufen jährlich zum Verzicht auf. Die Anti-Konsum-Aktionen erreichen Millionen über Social Media, der ökonomische Effekt auf den Gesamthandel bleibt aber unter einem Prozent. Kulturell ist die Sichtbarkeit hoch und wirkt langfristig auf Konsumbewusstsein und Nachhaltigkeits-Berichterstattung.

Reale Ersparnis bei Black Friday: was Studien sagen

Stiftung Warentest analysiert seit 2017 jährlich die echten Rabatte am deutschen Black Friday. Das Ergebnis ist konsistent enttäuschend für Verbraucher. Im November 2022 untersuchte Stiftung Warentest 65 Black-Friday-Angebote von Amazon, Otto, Saturn und MediaMarkt. Bei 41 von 65 Angeboten (63 Prozent) war der Preis in den 30 Tagen vor Black Friday mindestens einmal niedriger oder gleich hoch. Nur 24 von 65 (37 Prozent) waren am Black Friday tatsächlich das Jahres-Tief.

Ähnliche Erkenntnisse liefert die Verbraucherzentrale NRW. Ihre Analyse 2023 von 100 Black-Friday-Angeboten zeigte, dass der durchschnittliche reale Rabatt nur bei 9 Prozent lag, beworben wurden aber 30 bis 50 Prozent. Die Diskrepanz ergibt sich vor allem aus überhöhten Streichpreisen (UVP statt Markt-Tiefstpreis) und aus Preiserhöhungen kurz vor Black Friday, die dann mit dem Rabatt wieder reduziert werden.

Idealo und Geizhals dokumentieren die Preis-Historie und decken solche Tricks regelmäßig auf. Wer am Black Friday einen vermeintlich starken Rabatt sieht, sollte den Artikel kurz auf Idealo prüfen. Die 90-Tage-Preisgrafik zeigt die echte Preisentwicklung.

Greenwashing-Vorwürfe

Viele Händler vermarkten Black-Friday-Aktionen heute als nachhaltig: “Green Friday” bei Avocadostore, “Slow Friday” bei Manomama, “Take Back Black” bei Outdoor-Marken. Die Effekte sind gemischt. Echte Reparatur-Programme und Recycling-Initiativen senken die Umweltlast, reine Marketing-Etiketten ohne Substanz sind klassisches Greenwashing.

Die EU verschärft 2024 die Vorgaben mit der Green Claims Directive: Umwelt-Werbeaussagen müssen nachweisbar sein. Wer “klimaneutral” oder “nachhaltig” wirbt, muss Belege liefern. Unbestimmte Aussagen sind unzulässig. Verbraucherzentralen klagen aktiv gegen Greenwashing-Werbung.

Was die Rabatt-Schlacht über uns aussagt

Black Friday und Cyber Monday sind weit mehr als Verkaufstage. Sie sind Spiegelbilder einer Konsumkultur, die zwischen Schnäppchen-Jagd, Markenstreit, ökologischer Kritik und globaler Verschiebung Richtung China balanciert. Der durchschnittliche Käufer profitiert begrenzt: Stiftung-Warentest-Analysen zeigen, dass Black-Friday-Rabatte in vielen Kategorien deutlich kleiner sind als beworben (oft 5 bis 10 Prozent statt der versprochenen 30 bis 50). Wer wirklich sparen will, vergleicht über das Jahr, dokumentiert Preise und kauft, wenn der echte Bedarf da ist, nicht weil ein Countdown läuft.

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FAQ

Häufige Fragen

Woher kommt der Name Black Friday?

Der Begriff stammt nicht aus dem Handel, sondern aus dem Polizei-Slang von Philadelphia in den 1950er und 1960er Jahren. Polizisten nannten den Freitag nach Thanksgiving so, weil das Verkehrschaos und die Kriminalität in der Innenstadt extrem waren. Touristen strömten in die Stadt für das Army-Navy-Football-Spiel am Samstag, gleichzeitig begann das Weihnachtsgeschäft. Die Einzelhändler übernahmen den negativ konnotierten Begriff in den 1980er Jahren und prägten eine positive Erzählung: Black bezieht sich auf schwarze Zahlen, weil viele Händler erst an diesem Tag in die Gewinnzone (schwarz statt rot) kamen. Diese Marketing-Geschichte ist historisch nicht belegt, hat sich aber etabliert.

Wann startete Cyber Monday?

Cyber Monday wurde 2005 von Shop.org, einer Untergruppe der National Retail Federation NRF, in den USA als Online-Pendant zum Black Friday ins Leben gerufen. Hintergrund: in den frühen 2000er-Jahren hatten viele US-Haushalte zu Hause noch keinen Breitband-Internetzugang. Am ersten Montag nach Thanksgiving kehrten die Menschen ins Büro zurück und nutzten die schnellen Firmen-Verbindungen, um online einzukaufen. Shop.org analysierte 2004 die Trafficzahlen und stellte fest, dass der Montag nach Thanksgiving ein Online-Peak-Tag war. Daraus wurde 2005 die Marketing-Kampagne Cyber Monday geboren. Mit DSL- und Glasfaser-Verbreitung verlagerte sich das Online-Shopping längst nach Hause, der Name blieb.

Wie groß ist Black Friday in Deutschland?

Der Handelsverband Deutschland HDE schätzte 2024 den Umsatz am Black-Friday-Wochenende (Freitag bis Cyber Monday) auf rund 6 Milliarden Euro. Davon entfallen etwa 60 Prozent auf den Online-Handel, der Rest auf den stationären Einzelhandel. Spitzenreiter sind Elektronik, Mode, Spielwaren und Kosmetik. Saturn und MediaMarkt etablierten den Begriff ab 2013 in Deutschland flächendeckend. Amazon Deutschland startete die Black-Friday-Woche-Kampagne 2014. Marktrechtlich war Black Friday in Deutschland zwischen 2013 und 2021 eine eingetragene Marke der hongkonger Super Union Holdings, die Lizenzgebühren von deutschen Händlern verlangte. Das Bundespatentgericht löschte die Marke 2021 endgültig.

Was ist der Singles' Day?

Der Singles' Day findet jährlich am 11.11. statt und ist seit 2009 das größte Einkaufs-Event der Welt. Ursprung ist eine Studentenkultur an der Universität Nanjing in China in den 1990er Jahren: der 11.11. (vier Einsen, vier Singles) wurde als ironischer Anti-Valentinstag gefeiert. Alibaba-Gründer Jack Ma griff 2009 die Idee auf und startete den 11.11.-Sale auf der Plattform Tmall. 2024 erreichte Alibaba an diesem Tag einen Bruttoumsatz von rund 156 Milliarden US-Dollar, mehr als das Dreifache des US-amerikanischen Black-Friday-Wochenendes. Konkurrent JD.com erzielte zusätzlich 50 bis 60 Milliarden US-Dollar. In Europa hat Singles' Day eine geringere Bedeutung, taucht aber zunehmend bei Aliexpress, Temu und Shein als Werbeanlass auf.

Wie funktioniert die Anti-Konsum-Bewegung am Black Friday?

Parallel zur Konsum-Schlacht hat sich seit 2011 eine Gegenströmung etabliert. Patagonia veröffentlichte 2011 am Black Friday eine ganzseitige New-York-Times-Anzeige mit der Überschrift Don't Buy This Jacket und einer Fleece-Jacke darunter. Die Botschaft: kauf nicht, was du nicht brauchst, repariere oder kaufe gebraucht. Paradoxerweise stieg Patagonias Umsatz im Anschluss um 30 Prozent, weil die Marke als ehrlich und nachhaltig wahrgenommen wurde. Buy Nothing Day, gegründet 1992 von Ted Dave in Vancouver, findet ebenfalls am Black Friday statt. Greenpeace, Adbusters und die deutsche Initiative Konsumiergesund.de rufen jährlich zum Verzicht auf. Der ökonomische Effekt bleibt klein, die kulturelle Sichtbarkeit ist hoch.

Quellen

Worauf dieser Ratgeber sich stützt

Veröffentlicht · zuletzt geprüft
Verantwortlich: Jan-Tristan Rudat