Ratgeber · Preispsychologie & Historie

Preispsychologie: Anker-Effekt, Charm-Pricing und Streichpreise

Die Zahl, die zuerst da war, prägt das ganze Urteil. Wie Streichpreise verankern, warum 9,99 günstiger wirkt als 10,00 und welche Heuristiken Händler seit Jahrzehnten ausnutzen.

7 Min Lesezeit 1.576 Wörter 5 FAQs
Jan-Tristan Rudat
Jan-Tristan RudatRedakteur
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Preise sind keine reinen Zahlen. Sie sind Signale, Anker und psychologische Auslöser. Wer die Forschung kennt, versteht, warum 9,99 wirkt, warum Streichpreise so mächtig sind und warum manche Aktion erfolgreich ist, obwohl der reale Rabatt klein ist. Die folgende Übersicht stützt sich auf publizierte Studien aus Behavioral Economics und Marketing Science.

Der Anker-Effekt: die erste Zahl prägt alles

Amos Tversky und Daniel Kahneman veröffentlichten 1974 in Science ihre bahnbrechende Arbeit “Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases”. In einem Experiment ließen sie Probanden eine Glücksrad-Zahl ziehen (zwischen 0 und 100) und dann schätzen, wie viel Prozent der UN-Mitgliedstaaten afrikanisch sind. Probanden, die eine 10 gezogen hatten, schätzten im Mittel 25 Prozent. Probanden, die eine 65 gezogen hatten, schätzten 45 Prozent. Die Glücksrad-Zahl hatte keinen logischen Bezug zur Frage, prägte aber das Urteil massiv.

Im Handel wirkt der Anker durch Streichpreise. Eine durchgestrichene 299 Euro neben einem aktuellen 149-Euro-Preis verankert die Wahrnehmung beim höheren Wert. Der Endpreis wirkt dann wie eine Ersparnis von 150 Euro, unabhängig davon, ob 149 Euro marktgerecht oder zu teuer sind. Bei Premium-Marken wird der UVP des Herstellers oft als Anker genutzt, obwohl er real fast nie erreicht wird.

Anker-Effekt funktioniert auch in Verhandlungen: wer als erster eine Zahl nennt, prägt das ganze Gespräch. Im Gehaltsverhandlung ist das ein bekanntes Phänomen. Bei Immobilienkauf wirkt der erste genannte Preis als Anker für alle weiteren Verhandlungspositionen.

Charm-Pricing: die 9 am Ende

Eric Anderson und Duncan Simester führten 2003 am MIT eine groß angelegte Feldstudie durch, veröffentlicht in Quantitative Marketing and Economics. Sie kooperierten mit einem US-Versandhandel und testeten drei Preise für dasselbe Damen-Kleid: 34, 39 und 44 Dollar. Erwartet war ein Verkaufsmuster, das mit dem Preis sinkt: 34 Dollar verkauft sich besser als 39, 39 besser als 44.

Das Ergebnis widersprach der Erwartung: der mittlere Preis 39 Dollar verkaufte sich am besten, sogar 24 Prozent besser als 34 Dollar. Anderson und Simester erklärten den Effekt mit zwei Mechanismen. Erstens: Left-Digit-Bias, das Gehirn fokussiert die linkeste Ziffer und vereinfacht. 39 wird als 3-irgendwas wahrgenommen, 34 ebenfalls. Aber 40 oder 35 würden als gleich teure 3- bzw. 4-er gelten. Zweitens: 9-Endungen signalisieren Rabatt und Sale, auch wenn keiner gewährt wurde.

Vergleichsbeispiel 9,99 versus 10,00 versus 10,99

PreisWahrgenommen alsVerkaufsindex (Anderson/Simester)
34 USD”Mittel-Preis 3-er”100 (Basis)
39 USD”Sale-Preis 3-er”124
44 USD”Hoher Preis 4-er”96

In Replikationsstudien zeigen ähnliche Effekte in Bekleidung, Lebensmittel, Elektronik und Möbel. In Deutschland sind 9-Endungen seit Jahrzehnten Standard, vor allem im Discount-Bereich (Aldi, Lidl, Penny). Premium-Marken wie Apple oder Mercedes verwenden bewusst runde Preise (999 Euro oder 1.000 Euro je nach Segment), weil 9-Endungen Billig-Signal sind.

Mental Accounting und Wahrnehmung

Richard Thaler publizierte 1985 in Marketing Science “Mental Accounting and Consumer Choice” und begründete damit das Forschungsfeld der Behavioral Economics maßgeblich. Menschen verbuchen Geld in mentalen Konten: Gehalt, Lottogewinn, Steuerrückzahlung, Kreditkartenrahmen. Ausgaben aus dem Lotto-Konto fühlen sich leichter an als gleiche Beträge aus dem Gehalts-Konto.

Bei Preisen wirkt Mental Accounting durch psychologische Schwellen. 9,99 Euro bleibt im einstelligen Konto, 10,00 Euro öffnet das zweistellige. 99,99 Euro bleibt unter 100, 100,00 Euro überschreitet die psychologische Schwelle. Marketing-Studien zeigen, dass Preise direkt unter runden Schwellen (29,99 statt 30,00) deutlich besser performen als Preise leicht darüber.

Auch Rabatte werden separat verbucht. Ein 30-Prozent-Rabatt auf einen 100-Euro-Artikel fühlt sich wie ein Bonus von 30 Euro an, nicht wie ein Endpreis von 70 Euro. Diese Wahrnehmung verstärkt die Kaufbereitschaft bei Sale-Aktionen.

Decoy-Effekt: das dritte Produkt lenkt

Joel Huber, John Payne und Christopher Puto beschrieben 1982 im Journal of Consumer Research den Asymmetric Dominance Effect. Das Phänomen wurde durch das berühmte Economist-Beispiel populär. Der Magazin-Anbieter zeigte drei Abo-Varianten: Online für 59 Dollar, Print für 125 Dollar, Print + Online für 125 Dollar.

Niemand wählt das reine Print-Abo, weil das Kombi-Angebot bei gleichem Preis dominant überlegen ist. Aber das Decoy verschiebt die Wahl zwischen Online (59 Dollar) und Kombi (125 Dollar) deutlich Richtung Kombi. In einem Experiment des Verhaltensökonomen Dan Ariely wählten 84 Prozent der Probanden das Kombi-Angebot, wenn das Print-Decoy dabei war, aber nur 32 Prozent, wenn das Print-Angebot fehlte.

Im deutschen Einzelhandel nutzt Aldi den Decoy-Effekt mit Premium-Eigenmarken neben Standard-Eigenmarken. Drei Olivenöle nebeneinander: Standard für 3,99, Bio-Premium für 5,99, Spitzen-Premium für 8,99. Das Spitzen-Premium dient als Decoy für das Bio-Premium, das dadurch attraktiver wirkt.

Knappheit: Cialdinis Einfluss

Robert Cialdini beschrieb 1984 in “Influence: The Psychology of Persuasion” sieben Prinzipien sozialer Beeinflussung. Knappheit ist eines davon: Menschen begehren stärker, was knapp ist. Im Handel nutzen Online-Shops das mit Live-Anzeigen (“nur noch 3 auf Lager”, “12 Personen sehen sich das gerade an”), Aktionsenden (“Sale endet in 2 Stunden 14 Minuten 33 Sekunden”) und limitierten Editionen.

Studien zeigen, dass Knappheits-Botschaften die Kaufbereitschaft um 20 bis 40 Prozent steigern können. Die Wettbewerbszentrale klagt regelmäßig gegen fake-Knappheit, also Anzeigen die suggerieren, ein Produkt sei knapp, obwohl es real beliebig verfügbar ist. OLG München 29 U 1582/22 entschied 2023, dass eine künstliche Countdown-Anzeige irreführend ist, wenn sie nach Ablauf einfach zurückgesetzt wird.

Prospect Theory: Verlustaversion

Daniel Kahneman und Amos Tversky veröffentlichten 1979 Prospect Theory in Econometrica. Kernaussage: Verluste werden etwa doppelt so stark gewichtet wie gleich hohe Gewinne. Wer 10 Euro verliert, leidet stärker als er sich über 10 Euro Gewinn freut.

Auf Rabatte übertragen wirkt die Verlustaversion durch zwei Effekte. Erstens: entgangene Rabatte fühlen sich wie Verluste an. Wer einen Sale verpasst, ärgert sich überproportional. Marketing nutzt das mit Aktionsenden und Fristen. Zweitens: gewährte Rabatte werden als normaler Vorteil verbucht, nicht als Bonus-Gewinn. Das mindert die Loyalitäts-Wirkung von Rabatten.

Kahneman erhielt 2002 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für die Prospect Theory. Tversky war 1996 verstorben. Thaler erhielt 2017 den Nobelpreis für seine Erweiterungen der Behavioral Economics.

Anker-Effekt mit Streichpreis und Wahrnehmungs-Drift 299 Euro Streichpreis Anker 149 Euro Endpreis Wahrnehmung 150 Euro Ersparnis realer Marktpreis 130 Euro tatsächliche Ersparnis nur 0 Euro Anker prägt Urteil, auch wenn er übertrieben ist
Streichpreis-Anker prägt Wahrnehmung der Ersparnis, unabhängig vom realen Marktpreis

Doorbuster-Strategie

Einzelne extreme Rabatte locken Kunden in den Laden oder Shop. Die Idee: ein Produkt wird mit 80 Prozent Rabatt beworben, oft in begrenzter Stückzahl. Der Kunde kommt für das Doorbuster-Angebot, kauft aber zusätzlich Vollpreis-Produkte. Studien aus dem US-Einzelhandel zeigen, dass Doorbuster-Kunden im Schnitt 40 Prozent mehr Vollpreis-Umsatz machen als Normal-Kunden.

Black-Friday-Aktionen funktionieren stark nach diesem Prinzip. Ein TV für 199 Euro statt 599 Euro lockt in den Saturn, dort kauft der Kunde dann eine Soundbar für 299 Euro mit nur 10 Prozent Rabatt. Wettbewerbsrechtlich ist Doorbuster zulässig, solange das Lockangebot tatsächlich verfügbar ist (mindestens für die ersten Kunden) und nicht nur eine Falle für Vollpreis-Käufer.

Pay-What-You-Want und Pricing-Experimente

Pay-What-You-Want (PWYW) ist ein Pricing-Modell, bei dem der Kunde den Preis selbst bestimmt. Das berühmteste Beispiel ist das Radiohead-Album In Rainbows aus 2007, das die Band als kostenlosen Download mit freier Spenden-Option anbot. Studien des Verhaltensökonomen Ju-Young Kim und Kollegen (Journal of Marketing 2009) zeigten, dass viele Kunden freiwillig faire Preise zahlen, sofern soziale Normen klar sind.

In Restaurant-Experimenten von Kim, Natter und Spann zahlten Gäste durchschnittlich etwa 75 Prozent des Restaurantpreises, manchmal mehr. PWYW funktioniert besser bei kleinem sozialem Druck (Spendenboxen sichtbar) und bei Marken mit hoher Reputation. Für Standard-Einzelhandel ist PWYW selten geeignet, in Nischen wie Software (Humble Bundle) oder Kultur (Theater Pay-What-You-Decide) hat es sich aber etabliert.

Dynamic Pricing ist die Gegenseite: Algorithmen passen Preise minütlich an Nachfrage, Bestand und Konkurrenz an. Amazon ändert Preise im Schnitt alle 10 Minuten pro Artikel. Uber-Surge-Pricing erhöht Fahrpreise bei hoher Nachfrage um den Faktor 1,5 bis 3. Diese Modelle sind preislich effizient, aber kommunikativ heikel: Kunden empfinden Dynamic Pricing oft als unfair, vor allem wenn die Preisspanne groß ist.

Was die Forschung dem Käufer rät

Drei pragmatische Konsequenzen aus der Preispsychologie. Erstens: rechne den Endpreis selbst, ignoriere den Streichpreis. Der Anker prägt unbewusst, dagegen hilft nur aktives Nachrechnen und Vergleichen mit anderen Anbietern. Zweitens: lass dich von 9-Endungen nicht beeindrucken, 9,99 ist faktisch 10 Euro. Wer mehrere Produkte vergleicht, sollte auf zwei Cent gerundet rechnen. Drittens: hinterfrage Knappheits-Botschaften, prüfe Verfügbarkeit am nächsten Tag, vermeide Spontankäufe unter Zeitdruck.

Als Verkäufer sind die Effekte legitim, solange sie nicht in Irreführung umschlagen. Die Grenze zieht § 5 UWG: was der durchschnittliche Verbraucher als falsch empfindet, ist unzulässig. Faires Marketing nutzt Heuristiken, ohne falsche Tatsachen zu behaupten. Wer sich darauf nicht verlassen will, sollte ehrliche Preisangaben machen und auf die Marketing-Tricks der Konkurrenz mit Service-Qualität und Vertrauen antworten.

Wenn dir ein Fehler auffällt oder eine Quelle veraltet ist, schreib an info@akara-solutions.de, bestätigte Korrekturen dokumentieren wir auf /korrekturen/.

FAQ

Häufige Fragen

Was ist der Anker-Effekt beim Einkaufen?

Der Anker-Effekt wurde von Amos Tversky und Daniel Kahneman 1974 in der Zeitschrift Science beschrieben (Judgment under Uncertainty: Heuristics and Biases). Menschen orientieren sich bei Urteilen unbewusst an der ersten Zahl, die sie sehen, dem Anker. Im Handel ist der typische Anker der Streichpreis. Eine Jacke wird mit 299 Euro durchgestrichen und für 149 Euro angeboten. Der Käufer empfindet 149 als günstig, obwohl der reale Marktpreis bei 130 Euro liegen könnte. Auch in Restaurants funktioniert der Effekt: ein teures Anker-Gericht im Menü macht mittlere Preise attraktiv. Der Effekt wirkt sogar, wenn der Anker offensichtlich willkürlich ist. Tversky und Kahneman erhielten 2002 den Nobelpreis.

Wirkt Charm-Pricing mit 9-Endungen wirklich?

Eric Anderson und Duncan Simester veröffentlichten 2003 in Quantitative Marketing and Economics eine Feldstudie (Effects of 9 Price Endings on Retail Sales). Sie testeten in einem Versandhandel drei Preise für dasselbe Kleid: 34, 39 und 44 Dollar. Das Kleid für 39 Dollar verkaufte sich besser als die anderen beiden, obwohl es teurer war als die 34-Dollar-Variante. Der Verkauf stieg um 24 Prozent gegenüber 34 Dollar. Anderson und Simester führen den Effekt auf zwei Mechanismen zurück: Linkes-Ziffern-Bias (9,99 wirkt im Kopf als 9-Etwas, nicht als 10) und Signal-Wirkung (9-Endungen signalisieren Rabatt, auch wenn keiner gewährt wird). Der Effekt ist seit 2003 mehrfach in unterschiedlichen Branchen repliziert worden.

Was ist Mental Accounting?

Richard Thaler beschrieb Mental Accounting 1985 in Marketing Science (Mental Accounting and Consumer Choice). Menschen verbuchen Geld in mentalen Konten, nicht als eine fungible Masse. Ein Geldgewinn aus Lottospiel wird leichter ausgegeben als gleich hohes Gehalt. Ein 9,99-Euro-Preis wird im Kopf als unter 10 verbucht, weil das Konto im einstelligen Bereich bleibt. Rabatte werden separat von Grundpreisen verbucht, was die Wahrnehmung der Ersparnis verstärkt. Thaler erhielt 2017 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften für seine Arbeit zur Behavioral Economics. Das Konzept erklärt auch, warum Kunden bei kleinen Beträgen über Cent verhandeln, bei großen Investitionen aber sorglos Tausende ausgeben.

Was ist der Decoy-Effekt?

Der Decoy-Effekt oder Asymmetric Dominance Effect wurde 1982 von Joel Huber, John Payne und Christopher Puto im Journal of Consumer Research beschrieben. Ein drittes Produkt mit schlechterem Preis-Leistungs-Verhältnis lenkt die Wahl zwischen zwei bestehenden Optionen. Klassisches Beispiel aus dem Magazin Economist: Online-Abo 59 Dollar, Print-Abo 125 Dollar, Print plus Online 125 Dollar. Niemand wählt das reine Print-Abo, weil das Kombi-Angebot bei gleichem Preis offensichtlich besser ist. Aber das Decoy lenkt die Wahl weg vom günstigsten Online-Abo hin zum teuren Kombi. Studien zeigen, dass das Decoy-Angebot den Umsatz pro Kunde um 30 bis 50 Prozent steigern kann. Aldi und Lidl nutzen den Effekt mit Premium-Eigenmarken neben Standard-Eigenmarken.

Was bedeutet Prospect Theory für Rabatte?

Daniel Kahneman und Amos Tversky veröffentlichten Prospect Theory 1979 in Econometrica (Prospect Theory: An Analysis of Decision under Risk). Kernaussage: Verluste werden psychologisch etwa doppelt so stark gewichtet wie gleich hohe Gewinne. Wer 10 Euro verliert, fühlt das stärker als die Freude über einen 10-Euro-Gewinn. Auf Rabatte übertragen: ein Käufer empfindet einen entgangenen Rabatt von 20 Euro als Verlust, ein gewährter Rabatt von 20 Euro fühlt sich dagegen nur als normaler Vorteil an. Marketing nutzt das mit Knappheits-Botschaften wie nur noch 3 verfügbar oder Aktion endet heute. Kahneman erhielt 2002 den Nobelpreis. Tversky war 1996 verstorben und konnte den Preis nicht mehr entgegennehmen.

Quellen

Worauf dieser Ratgeber sich stützt

Veröffentlicht · zuletzt geprüft
Verantwortlich: Jan-Tristan Rudat